Andreas Züllig im Interview

Frage von Sabine Asprion: Ein anderes Thema, das Sie angesprochen haben ist der Fachkräftemangel. Gemäss SECO-Liste befinden sich zahlreiche Berufe aus der Gastro-Branche (Service, Empfang, Küche, Housekeeping) auf der Liste über dem Schwellenwert, d.h. eigentlich müsste der Inländervorrang hier zur Anwendung kommen. Dieser Schwellenwert ist ja eine Folge der MEI – welche gerade von den touristisch geprägten Bergkantonen befürwortet wurde. Konnten sich die Touristiker (und diejenigen, die vom Tourismus profitieren) nicht durchsetzen, Gehör verschaffen? Oder war man sich in den Kantonen der Urschweiz, Bern und Graubünden der Folgen nicht bewusst?

Antwort Andreas Züllig: Die KMU-Unternehmungen zahlen in der Regel nicht viele Steuern. Die beschäftigten Mitarbeiter aber bezahlen ihre Steuern vor Ort. Ein nachhaltig geführtes Unternehmen braucht einen positiven Cashflow, um die Schulden abzubauen und in den Betrieb investieren zu können. Nur so können Arbeits- und Ausbildungsplätze erhalten werden. Dies vor allem in Regionen wie Graubünden, wo es zum Tourismus wenig Alternativen gibt. Nicht vergessen dürfen wir auch die indirekten Umsätze die beim lokalen Handel und Gewerbe erzielt werden.

Die Umsetzung der MEI mit dem Inländervorrang ist ein Bürokratiemonster. Im Gastgewerbe herrscht eine hohe Sockelarbeitslosigkeit von über 8%. Wir sind verpflichtet, jede Stelle beim RAV zu melden, unabhängig ob wir Schweizer oder Ausländer einstellen. Das Palace in St. Moritz z.B. braucht jedes Jahr rund 400 Saisonmitarbeiter, diese kommen oft seit Jahren oder Jahrzehnten ins Palace, muss aber trotzdem gemeldet werden: 400 Mails an das RAV, 400 Mails zurück vom RAV mit der Meldung, dass keine passenden Mitarbeiter gefunden wurden. Die Arbeitslosenquote lag 2018 in der Schweiz im Schnitt bei 2.6%, im Kanton Graubünden bei 1.3%. Wir wären noch so dankbar, wenn uns das RAV gut qualifizierte Mitarbeiter vermitteln würde. Dann würde sich der administrative Aufwand auch lohnen.

Frage von Sabine Asprion: Die FDP hat ja in den letzten Monaten mit ihrem ökologischen Positionsbezug etwas gehadert. Ich staune immer wieder, dass Städter da aufgeschlossener sind, hingegen „Bergler“ eher bremsen. Mich erstaunt das deswegen, weil die Folgen des Klimawandels (welchen wir hoffentlich noch bremsen können) Bergregionen stärker treffen: Landwirtschaft und Tourismus sind starke Wirtschaftszweige, gleichzeitig diejenigen, welche höchst fragil auf das Klima reagieren. Wer kommt noch in die Berge, wenn es keinen Schnee und keine Gletscher mehr hat? Müsste es da nicht schon lange eine KAA geben (Klima-Allianz Alpen)?

Antwort Andreas Züllig: Wir in den Bergregionen sind nicht weniger aufgeschlossen was den Klimawandel angeht, sondern sind uns bewusst, welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Lebensraum haben kann. Der Felssturz von Bondo hat es uns eindrücklich vor Augen geführt. Gewisse Täler würden unbewohnbar.

Auch Winter und Schneesicherheit sind entscheidende Faktoren. Sommer und Herbst werden als Saison immer wichtiger, aber den Hauptteil unseres Umsatzes machen wir im Winter, das sind bei Bergbahnen bis zu 90%. Man kann sich vorstellen, was eine Erosion der Wintersaison wirtschaftlich bedeuten würde. Die intakte Natur ist ein wichtiger Bestandteil unserer Existenz.

Graubünden ist der Kanton mit dem höchsten Anteil an Biobetrieben in der Schweiz, nämlich 65% der Betriebe. Die Produkte werden grossmehrheitlich lokal abgesetzt und verarbeitet. Die Zusammenarbeit zwischen dem Tourismus und der Landwirtschaft wird immer wichtiger. Gäste schätzen es, wenn sie beim Frühstück oder beim Abendessen Produkte aus der Region geniessen können.

Bei uns sind vor allem Wirtschaftszweige mit einer geringen Wertschöpfung angesiedelt. Entsprechen fallen bei uns Abgaben und Steuern mehr ins Gewicht als in anderen Regionen der Schweiz. Die Belastung und die Einschränkungen dürfen für solch periphere Regionen nicht zu hoch werden. Auf Fahrzeuge sind wir zum Teil angewiesen. Wir haben nicht alle 500 Meter eine Tram- oder Bushaltestelle und bei uns fahren die Züge auch nicht im Halbstundentakt. Regulierungen und Vorschriften dürfen nicht dazu führen, dass wir in unserem Lebens- und Wirtschaftsraum zu fest eingeschränkt werden.

Frage von Sabine Asprion: Worin sich Ihr Wahlkampf 2019 von demjenigen 2011 am deutlichsten unterscheidet?

Antwort Andreas Züllig: Bei den Wahlen 2011 musste ich als Novize natürlich zuerst meine Erfahrungen sammeln. Voller Motivation habe ich in allen Regionen Vorträge und eine Talk mit prominenten Gäste organisiert. Leider musste ich dann aber feststellen, dass das Interesse sehr unterschiedlich war und vor allem die versprochene Bündnerplatte und der Wein ein wichtiger Motivationsgrund waren um vorbeizuschauen. Ich hielt zum Teil also Vorträge und Talks vor 5 Gästen. Und dies je nach Ort oder Tal nach einer Anreise von 2 bis 3 Stunden. Ich habe für den Wahlkampf 2019 natürlich daraus gelernt. Ich konzentriere meine Auftritte auf Sachthemen an Podien. Haupthemen im Kanton Graubünden sind zum Beispiel der Fachkräftemangel, die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung und die Förderung strukturschwacher Regionen. Interessant die Ausgangslage als Hauptthema der Wahlen. Schon 2011 nach den Vorkommnissen in Fukushima war das Hauptthema die Umwelt. Das Thema Umwelt und Klima scheint auch in diesem Wahljahr die Verteilung im Parlament für die nächste Legislatur zu beeinflussen. Als Unternehmer, der sich auch aus ökonomischen Gründen mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst, kann ich zu diesem Thema natürlich von meinen praktischen Erfahrungen profitieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.